Koshima Aki
    Die Macht der leeren Mitte

    Jedes Foto ist eine neue Welt, eine neue Herausforderung. Man muß sich darin zurechtfinden, ihre Strukturen entdecken und die Geschichten lesen.
    Die klassischen Gemälde des Abendlandes wurden geprägt von der Weltanschauung, nach der die Erde unbeweglich im Zentrum des Kosmos existiert, während Sonne, Mond und Sterne sie umkreisen. Obwohl wir inzwischen wissen, daß die Erde die Sonne umkreist, wird die Erde mit all dem, was sie trägt, noch heute als ein räumlich zentriert stabilisiertes System verstanden.
    In der christlichen Religion wurde Gott personifiziert und so kam es, daß Künstler vieler Epochen die Mitte ihrer Bilder nutzten, um Stabilität und um göttliche oder anderweitig überragende Macht auszudrücken. Gott, der Heilige oder der Herrscher weilt im Zeitlosen, unbewegt und unanfechtbar, und die Gläubigen streben danach zu ihm zu gelangen, zu ihm in den Himmel, dem Ort ewigen Glücks.
    In der Mitte herrscht Beständigkeit. Bilder mit einer personifizierten Mitte wirken häufig unnahbar, unantastbar und häufig auch verschlossen. Wendet man dieses Gestaltungsprinzip auf Fotos an, so entstehen leider oft Bilder, die förmlich durch ihre Ruhe und ihre Stabilität langweilig wirken.
    Das Gestaltungsprinzip der leeren Mitte basiert dagegen auf der buddhistischen Denkweise, wonach das Nichts das einzig erstrebenswerte Ziel einer Seele sein kann. Bilder, die mit einer leeren Mitte versehen sind, leben vom harmonischen Hin- und Herschwingen der Formen. Solche Bilder wirken weniger ruhig, weniger stabil, was aber nicht verwechselt werden sollte mit Unruhe oder Chaos. Betrachter werden durch die leere Mitte zu größerer Teilnahme angeregt, denn um das Zentrum zu finden, in dem das Nichts vermutet werden kann, muß er sein Wahrnehmungsbild aktiv organisieren, was dem Zustand der Spannung entspricht. Wie auch Schriftsteller und Filmgestalter sollten Fotografen ihre Fotos spannend gestalten, denn  Langeweile mag niemand gerne. Und je nach Motiv und Farben und Formen erreichen Bilder oder Fotos, die mit der leeren Mitte funktionieren, sogar die Seele der Betrachter.

     

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